Evergreen Triathlon 228 in Chamonix

Vor dem IRONMAN Kopenhagen hatte ich schon ein Auge auf das Rennen geworfen, aber ich wollte erst mal das Rennen in Kopenhagen abwarten und gucken, wie ich dieses verkrafte. Kopenhagen konnte ich ohne größeren Schaden am Körper überstehen. Klar, 2 Langdistanzen in 3 Wochen und kein Bergtraining ist nicht die beste Vorbereitung für so ein Rennen, aber so wurde aus einer verrückten Idee Realität und ich verließ meine Komforzone.

Und nun war der Tag gekommen. Der Shuttlebus zum 70km entfernten Schwimmstart im Lac du Montriond startete am Samstag Morgen um 3:30Uhr. Die 1,5h lange Fahrt nutze ich noch für ein kurzes Schläfchen. In der Wechselzone hieß es dann die letzte Vorbereitung zu erledigen und anschliessend sich fertig zu machen für das große Erlebnis. Der geplante Schwimmstart um 6:30 Uhr wurde auf 7 Uhr  verschoben, da die Bojen noch nicht gesetzt waren. Das Positive daran: man konnte die Schwimmstecke in der aufgehende Sonne erkennen. Dass negative daran: Man läuft eine halbe Stunde früher schon in Dunkelheit. Das Schwimmen verlief im 15Grad warmen Wasser nach Plan. Wasser ist Wasser, dort gibt es keine Berge! Nach 57 Minuten und 2 Runden im See könnte ich als erste das nasse Element verlassen.

Für das Radfahren habe ich mir trockene und warme Sachen angezogen, da die Vorhersage für diesem Morgen 8 °C war. Zum Glück stiegen die Temperaturen relative schnell an und ich konnte schon am zweiten Pass meine Handschuhe und die Weste ausziehen. Am dritten Pass wurde ich vom späteren Zweitplatzieren überholt. Aber ich lies mich nicht aus der Ruhr bringen und bin mein eigenes Tempo weitergefahren. Den vierten und längsten Pass, den Col de la Colombiere, habe ich erst im zweiten Anlauf gefunden! Irgendwie habe ich die Abfahrt verpasst und nach ein paar Kilometer viel mir auf, dass ich keine Markierungen oder Schilder mehr gesehen hatte. Deshalb habe ich einen U-Turn gemacht und bin solange zurückgefahren bis mir der bis dahin Drittplatzierte entgegen gekommen ist. Zusammen haben wir irgendwie wieder zurück auf die Strecke gefunden. Dann ging es in den 18km langen Pass mit 1140Hm. Im letzten Drittel ist der spätere Sieger an mir vorbei gefahren. Von dort an war ich bis zum Schluss alleine unterwegs. Nach 8:12 Stunden und 195km mit 4700 Hm auf der Uhr, habe ich das Rad endlich in der Wechselzone abgestellt.

Die Wettkampfzeit zeigte 9:12h! Kurzes Gedankenspiel – bei einer normalen Langsdistanz wäre ich schon im Ziel oder kurz davor! Hier stehe ich kurz vorm Marathon mit 2800Hm über 2 Runden…. Über einige Sachen sollte man nicht nachdenken, sondern einfach machen. Somit machte ich mich auf dem Weg. Die Marathonstrecke war einfach ein aufzuteilen: Berg rauf – Hochebene – Berg runter! Den Berg rauf ging gut.  Die Hochebene verlief schleppend. Da durch den Regen der Untergrund rutschig war und irgendwie eine Verpflegungsstation in diesem Bereich fehlte. Dadurch lief ich in einen Hungerhast. Nach ca. 1 stunde erreichte ich endlich wieder eine Verpflegungsstation. Dort erst mal hinsetzen, zwei Riegel essen, einen Einpacken lassen, ein paar Becher Cola und dann ging es mit einem Blubber-Bauch Berg runter. Runter einfach laufen lassen dachte ich, hört sich einfacher an als getan, aber durch die Serpentinen, Baumwurzeln, Steine und kurze Kletterpassagieren musste ich immer wieder gehen, außerdem wurde es auch allmählich Dunkel! Eigentlich wollte ich die erste Runde ohne Stirnlampe laufen – so war der Plan! Aber nach ein paar Stürzen und umknicken, weil es zu dunkel geworden war, entschied ich mich doch, wo ich gerade lag, die Stirnlampe rauszuholen. Das war die erste Runde. Jetzt das gleiche noch einmal, nur im dunkeln. Aber irgendwie hatte ich nicht das innere Verlangen noch mal auf diesen Berg zulaufen oder noch schlimmer, wieder runter zulaufen. Mit nassen Füssen, schmutzigen Klamotten, verstauchten Knöcheln und Schürfwunden motivierte mich mein Supporter – Philipp, dass der Viertplatzierte eine halbe Stunde hinter mir ist und Rebekka ins Bett möchte und ich mich doch beeilen sollte! Danach stellte ich die Frage, wie spät es denn wäre! Philipp sagte nur so viel wie, dass möchtest du nicht wissen! Irgendwie hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Somit ging es wieder gut Berg auf. Die Hochebene meisterte ich dieses Mal mit mehr Verpflegung am Mann, aber immer noch mit starkem Regen und rutschigen Untergrund. Aber mit einem traumhaften Ausblick auf Chamonix bei Nacht als Entschädigung.  Berg runter war wieder mein Gruselabstieg. Außerdem wollten die Beine einfach nicht mehr laufen, gehen oder irgendwas machen. Hinzu kam die Müdigkeit! Ich versuchte einfach das Denken einzustellen und hörte alle paar Minuten das Kilometerpiepen meiner Uhr. Mein einziger Gedanke war: wie oft muss die Uhr noch piepen bis ich wieder unten bin.

Sonntagmorgens, um 1:23 Uhr und 18:20 Stunden Renndauer bin ich irgendwie als Dritter ins Ziel gekommen…. Die Freude über den 3. Platz kommt nach und nach, von den 40 Teilnehmer erreichten nur 22 das Ziel im Zeitlimit. Die Erleichterung sicher ins Ziel gekommen und der Anruf zu Hause, dass alles gut überstanden ist, überwiegt.  Außerdem die Weisheit, dass für Norddeutsche Beine das Bergablaufen nix ist!

Vielen Dank an Philipp, der mit mir diesen verrückten Trip gemacht hat und mich unterwegs unterstützt und mich immer wieder motiviert hat weiter zu machen.